„ERDOĞAN“ – Interview Kristina Karasu & Michael Wech
„ERDOĞAN“ – Interview Kristina Karasu & Michael Wech
© WDR/Privat
Kristina Karasu studierte Angewandte Kulturwissenschaften in Hildesheim und Sassari (Italien). Nach Stationen als leitende Nachrichtenredakteurin und Moderatorin lebt und arbeitet sie seit 2010 als freie Journalistin und Dokumentarfilmautorin in Istanbul. Zu ihren Auftraggebern gehören u.a. ARTE, ZDF, ORF und Deutschlandfunk. Sie realisierte zahlreiche Reportagen und Dokumentarfilme in der Türkei und der Region, u.a. „Die Türkei nach dem Beben“ (ARTE/ZDF, 2024) und „Die Spur der Verschwundenen – Istanbuls Familien gegen das Vergessen“ (ARTE/ZDF 2019). Seit 2014 ist sie Türkei-Korrespondentin der europäischen Presseschau „eurotopics“ der Bundeszentrale für politische Bildung.
Michael Wechstudierte Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen in Hamburg und London sowie als Stipendiat an der Bilkent Universität in Ankara. Er dreht Dokumentarfilme für ARTE, ARD und 3sat, darunter die jeweils für den Deutschen Fernsehpreis nominierten Dokumentarfilme „Der Aufbruch – War die Pandemie vermeidbar?“ (ZDF, 2022), „Hallo, Diktator – Orbán, die EU und die Rechtsstaatlichkeit“ (ARTE, 2021) und „Resistance Fighters – Die globale Antibiotika-Krise“ (ARTE, 2019). Michael Wech erhielt für seine Dokumentationen mehrfache Auszeichnungen, u. a.: Beste Wissenschafts-Dokumentation Silbersalz Festival (2025), Best Documentary Award San Diego International Film Festival (2024), Deutscher Fernsehpreis (2020), Impact Award Vancouver International Film Festival (2019), Deutsch-Französischer Journalistenpreis und den Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftsjournalismus.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan regiert seit über zwanzig Jahren die Türkei. Was gab den Anlass, jetzt eine vierteilige Reihe über ihn zu drehen?
MW
„Erdoğan gehört für mich zu den fünf mächtigsten, amtierenden Politikern der Welt. Und er ist vermutlich auf dem Zenit seiner Macht. Deshalb könnte es keinen besseren Moment geben, finde ich. Die Geschichte seines Aufstiegs erzählt viel über unsere Zeit. Man darf nicht vergessen: Er ist gewählt. Die Bürgerinnen und Bürger der Türkei haben selbst für ein quasi-autokratisches System gestimmt, mit Erdoğan an der Spitze. Nichts ist spannender als die Frage: Wer ist der Mann, dem dies gelang?“
KK
„Seit vielen Jahren beobachte ich als Journalistin in der Türkei den Werdegang Erdoğans. Als ich 2008 das erste Mal nach Istanbul kam, wurde Erdoğan im Inland gefeiert und in Europa hofiert. Die Wirtschaft boomte. Heute regiert er das Land quasi allein, geht unbarmherzig gegen seine Gegner vor, lässt kritischen Bürgerinnen und Bürgern kaum noch Luft zum Atmen. Die Türkei versinkt in einer Inflations- und Währungskrise. Das Land ist gespalten zwischen glühenden Anhängern und wütenden Gegnern. Wir haben uns gefragt: Wie konnte es so weit kommen? Was hat ihn dazu bewegt, diesen Weg einzuschlagen?“
Sie haben für die Serie mit ehemaligen Weggefährten und Vertrauten Erdoğans gesprochen. Wie schwierig war es, Zugang zu diesen Menschen zu bekommen und wie groß war die Angst der Gesprächspartner, sich öffentlich zu äußern?
KK
„Diese Frage hat uns vor den Dreharbeiten tatsächlich sehr beschäftigt. Denn zum einen reden die meisten von Erdoğans Weggefährten sehr ungern mit der westlichen Presse, zum anderen haben viele Türkinnen und Türken Angst, Kritik an Erdoğan zu üben, weil Präsidialbeleidigung unter Strafe steht und Erdoğan diesen Paragrafen sehr gerne nutzt, um gegen Kritiker jeder Art vorzugehen. Doch dann haben viele Menschen, die jahrelang sehr nah an Erdoğan Seite standen, sehr offen mit uns geredet. Es sind Menschen aus sehr unterschiedlichen ideologischen Lagern, die irgendwann in ihrem Leben die Entscheidung getroffen haben, dass Reden besser ist als Schweigen. Einige von ihnen sind Abgeordnete, die mir nach dem Interview sagten, sie konnten sich nur so frei äußern, weil sie politische Immunität genießen. Wir haben aber auch Absagen bekommen, vor allem von Mitgliedern der Opposition und der Zivilgesellschaft. Sie sagten, dass sie derzeit so unter Beschuss stehen, dass das Risiko eines Interviews für sie einfach zu groß wäre.“
Gab es während der Dreharbeiten Momente, die Sie persönlich besonders überrascht oder emotional bewegt haben?
KK
„Die ersten Interviews haben wir mit Erdoğans einstigem Privatsekretär Turhan Çömez sowie der einstigen Weggefährtin Nihal Olçok geführt, die zugleich Witwe von Erdoğans legendärem, langjährigen Werbeberater ist. Sie haben ihre einstige Begeisterung ebenso wie ihre spätere Enttäuschung noch einmal mit uns durchlebt. Die Gespräche dauerten viele Stunden lang und waren wie eine Zeitreise. Nicht selten bekam unser Team eine Gänsehaut.“
MW
„Ich fand erhellend, was uns Fatih Cevikollu über seine Jugend in Köln erzählte: ‚Ich stamme aus Köln-Nippes. Da gibt es so Hinterhof-Moscheen, wie wir es nennen. Meine Mutter sagte mir immer ‚Da gehst Du nicht hin. Das hat mit Religion nichts zu tun. Das ist Politik, was da gemacht wird. Die sind gegen Demokratie.‘ Dieser O-Ton ist nicht im Film, aber erzählt viel über die Frage, der wir auch in unserem Film nachgehen: Was genau ist politischer Islam? Wann ist der Islam Religion, wann ist er politisch?“
Was haben Sie bei der Arbeit an dieser Serie gelernt, was Sie noch nicht wussten? Was war überraschend?
MW
„Für mich war der Film eine kleine Zeitreise. Ich habe 1995/96 für ein Jahr Politikwissenschaft in Ankara studiert. Genau zu der Zeit, als Erdoğan Bürgermeister von Istanbul war. Obwohl ich seine Karriere seitdem immer im Blick hatte, gab es viele Details, die ich nicht kannte. Ich wusste z.B. nicht, dass Erdoğans Politikverbot 2003 nur mit Unterstützung und Zustimmung der CHP ausgehebelt wurde – also genau der Partei, die Erdoğan gerade versucht, zu zerschlagen. Und dessen prominentestes Mitglied, Ekrem İmamoğlu, er ins Gefängnis gebracht hat.
Die Serie versucht, Erdoğan nicht nur politisch, sondern auch als Mensch zu verstehen. Wann hatten Sie während der Recherche das Gefühl, ihm als Person wirklich näherzukommen?
KK
„Wir haben unter anderem in Kasimpaşa gedreht, dem ärmlichen Istanbuler Arbeiterviertel, in dem Erdoğan aufgewachsen ist. Dort haben wir mit seinen einstigen Nachbarn, Bekannten und seinem Friseur gesprochen. Sie erzählten uns, dass Erdoğan eigentlich Fußballstar werden wollte, aber sein streng religiöser Vater das verhinderte. Oder dass er schon als Jugendlicher unglaublich ehrgeizig war, sehr auf sein Äußeres achtete und sich zweimal am Tag rasierte, wenn er wichtige politische Sitzungen hatte. Ebenso haben wir ehemals hochrangige AKP-Politiker interviewt, die uns erzählt haben, wie der Arabische Frühling, die Gezi-Park-Proteste oder der Putschversuch 2016, Erdogans Charakter maßgeblich verändert haben. Das war sehr erhellend.“
MW
„Wir konnten Erdoğan selbst nicht treffen, nicht seine Frau und nicht seine Kinder. Aber ich denke, durch die Vielzahl der Weggefährten, die ihm über Jahrzehnte nahestanden, und für Interviews zur Verfügung standen, gelingt es dem Film, den Charakter seiner Person so freizulegen, wie es im Moment möglich ist. Damit ist viel erreicht und damit geht der Film über alles hinaus, was bislang an dokumentarischem Material über ihn zusammengetragen wurde. Ich will nicht zu viel vorwegnehmen, aber der Film zeigt, dass Erdoğan sich jedem Gegenwind frontal entgegenstellt, aber sich manchmal auch wie ein Chamäleon verhält.
Sie bewegen sich mit dieser Serie in einem politisch hochsensiblen Umfeld. Wie haben Sie während der Arbeit gespürt, wie stark das Thema Erdoğan Menschen bis heute polarisiert, auch in Deutschland?
KK
„In der Türkei ist diese Polarisierung an jeder Ecke zu spüren. Wir haben Erdoğan etwa vor jubelnden Anhängern beim Teknofest in Istanbul gefilmt, einem riesigen Technologie- und Luftfahrtfestival, initiiert von seinem Schwiegersohn. Die Menschen erzählten dort mit strahlenden Augen über den Präsidenten, wie er das Land entschlossen modernisiert und zu einer starken Regionalmacht entwickelt habe.
Ganz anders die Reaktionen als wir bei den Protesten gegen die Inhaftierung von Erdoğans größtem Rivalen, dem Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoğlu, gefilmt haben. Da sagten uns viele junge Menschen voller Verzweiflung: ‚Erdoğan hat unser Land ruiniert und unsere Zukunft gestohlen‘. Beide Seiten reden über dieselbe Türkei, denselben Präsidenten – aber ihre Wahrnehmung ist eine komplett andere.
MW
„Wir haben in Berlin mit dem türkischen Journalisten Can Dündar gedreht. Er lebt seit 2016 im Exil in Deutschland. Zum Interview kam er allein. Aber dass er bei Veranstaltungen in Deutschland häufig nur mit Polizeischutz auftreten kann, sagt viel über den Grad der Feindseligkeit, die Erdoğan mit seiner Politik bis heute schürt.“
Es wird eine deutsche und eine türkische Sprachfassung der Doku geben: Welche unterschiedlichen Resonanzen aus der deutschen und der deutsch-türkischen Community erwartet ihr?
MW
„Die Serie verdient es, von jedem geschaut zu werden. Unabhängig davon, ob man Erdoğan kritisch sieht, oder nicht. Wir haben versucht, uns der Figur Erdoğan vorurteilsfrei zu nähern und die Geschichte seines Aufstiegs auch so zu erzählen. Jedem ist klar, dass Erdoğan heute ein Autokrat ist. Für uns stand immer die Frage im Mittelpunkt: Wie ist es dazu gekommen? Das wird alle Menschen interessieren. Egal woher sie stammen und welchen Hintergrund sie haben. Wenn es uns gelingt, Menschen in bislang abgeschotteten Echo-Kammern zu erreichen, umso besser.“
Stand: 22.06.2026, 12.00 Uhr