Interview mit dem Ehrenpreisträger des 36. DEUTSCHEN KAMERAPREISES Torsten Breuer
Interview mit dem Ehrenpreisträger des 36. DEUTSCHEN KAMERAPREISES Torsten Breuer
Torsten Breuer am Set von Michael Bully Herbigs BUDDY in Hamburg.
© privat
Sie sind zunächst durch Ihre Musik für drei Kinofilme von Sönke Wortmann bekannt geworden. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Wir kannten uns vom Studium, oder besser gesagt, er hatte die Sporttasche meiner Freundin gefunden und brachte sie zu uns nach Hause. So lernten wir uns kennen und daraus entstand eine kleine Freundschaft. Als er merkte, dass ich Musik mache, fragte er mich, ob ich zu seinem ersten Film den Soundtrack schreiben möchte.
Auf „Allein unter Frauen“ folgten „Kleine Haie“ und schließlich „Der bewegte Mann“, der sechs Millionen Zuschauer in die Kinos lockte.
Der Soundtrack von „Der bewegte Mann“ war sechs Wochen in den Top 100, ich meine, auf Platz 26 oder 23. Das lag sicher nicht an meiner Filmmusik, sondern an dem Lied „Kein Schwein ruft mich an“ von Max Raabe, das alle haben wollten. Trotzdem war das für mich ein großes Glück, auch wegen der GEMA-Einnahmen.
Sie sind von Haus aus also eigentlich Musiker?
Mein Vater war studierter Künstler und hat mich zur Musik, aber auch zur Malerei gebracht. Ich musste jeden Tag Geige üben. Dafür habe ich meinen Vater gehasst, aber im Nachhinein muss ich sagen, dass ich ihm dafür dankbar bin. Ich mache auch heute noch gern Musik. Das geht Richtung House, aber sehr poppig.
Hilft Ihnen diese Musikalität auch bei der Arbeit mit der Kamera?
Ja, das hilft unheimlich. Für mich ist die Arbeit mit der Kamera wie Musik. Auch da geht es um Rhythmus, um Bewegung und Choreografie. Ich habe Probleme damit, wenn die Kamera sehr statisch ist.
Was muss ein Filmprojekt bei Ihnen auslösen, damit Sie als Kameramann zusagen?
Die Geschichte muss mich berühren. Ich habe mein ganzes Leben nur Filme gemacht, die mir etwas bedeuten. Selbst in Zeiten, in denen es mir dreckig ging und ich nicht wusste, wie ich mir überhaupt noch meine Semmeln kaufen soll, habe ich Projekte abgelehnt, wenn mich die Drehbücher nicht gepackt haben. Ich gehöre zu den Kameramännern, die auch schon mal hinter der Kamera weinen, wenn eine Szene besonders emotional ist.
Die Bandbreite Ihrer Genres ist so groß wie die Bandbreite der Regisseurinnen und Regisseure, mit denen Sie gearbeitet haben: Katja von Garnier, Caroline Link, Dennis Gansel, Marcus H. Rosenmüller, Michael Bully Herbig, Bora Dagtekin, Markus Goller…
…und ich kann sagen, dass dabei viele Freundschaften entstanden sind und ich noch nie Schwierigkeiten mit der Regie hatte. Man darf nicht vergessen, dass Film Teamarbeit ist und viele gute Leute aus verschiedenen Gewerken ihre Ideen einbringen.
Wie definieren Sie Ihre Rolle am Drehort?
Mir ist es wichtig, dass alle Spaß an dem Film haben und dass die Stimmung am Set gut ist. Ich halte mich durchaus für einen Schauspielkameramann. Es ist mir wahnsinnig wichtig, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Freiheit haben und vor der Kamera viele Sachen ausprobieren können.
© WDR/Tom Trambow
Was sind für Sie gute Bilder? Wann sind Sie zufrieden mit dem, was Sie drehen?
Wenn wirklich alles stimmt: das Licht, der Schwenk, der Ton, die schauspielerische Leistung. Ich spüre das in diesem Moment. Es ist auch schon passiert, dass ich vom Dolly gestiegen bin und dem Regisseur gesagt habe: „Nein, ich drehe keine mehr! Das war so klasse, besser kriegen wir das nicht hin!“ Das sollte man, glaube ich, nicht machen, aber es ist gelegentlich vorgekommen, dass ich mich verweigert habe.
Was würden Sie am Set als Ihre Stärke bezeichnen?
Meine Stärke ist, glaube ich, dass ich einfühlsam bin. Ich mache gern Filme und arbeite gern mit anderen Menschen zusammen.
Wie schaffen Sie eine gute Beziehung zu diesen Menschen?
Indem ich relativ normal bin. Ich glaube, dass ich ein recht angenehmer Mensch bin und – was den Umgang mit meinem eigenen Team angeht – auch ein netter Chef.
Und was können Sie gar nicht vertragen am Set?
Wenn die gute Stimmung von Leuten kaputt gemacht wird, die nicht das Recht dazu haben. Das kann bei einzelnen Schauspielern durchaus passieren. Dann schreite ich auch ein und lasse sie spüren, dass sie besser ihren Mund halten und einfach ihren Job machen sollen.
Eine eiserne Regel beim Film besagt, dass man weder mit Kindern noch mit Tieren arbeiten soll. Sie haben beides gemacht: mit welchen Erfahrungen?
Filme mit Kindern haben mir immer Spaß gemacht. Ich komme gut mit Kindern klar, sie sind offen und zugewandt, sie spielen auch toll. Bei „Ostwind“ hatte ich anfangs aber Probleme mit dem Pferd. Ich habe aus Kartons eine Papp-Kamera gebaut und bin immer um das Pferd herum gegangen, damit es sich an mich gewöhnt. Doch das Tier hat mich gehasst. Erst in der dritten Drehwoche legte sich plötzlich von hinten dieser riesige Kopf auf eine meiner Schultern. Da spürte ich: Das Pferd hat sich endlich an mich gewöhnt, jetzt sind wir Freunde. Ab da flutschte die Zusammenarbeit ganz wunderbar.
Viele Ihrer Filme bieten großartige Landschaftsaufnahmen und Unterwasserbilder. Hätten Sie gern auch mehr Dokumentarfilme gedreht?
Das hätte mich gereizt. Ich bin ja Norderneyer, also am Meer geboren. Das Meer und das Wasser waren mir immer wichtig. Aber Naturfilmer ist ein sehr einsamer Beruf. Man sitzt in der Pampa und wartet Wochen lang darauf, dass ein bestimmter Fisch vorbeischwimmt. Da hatte ich bei Spielfilmen den Vorteil, dass wir im Wassertank oder in der freien Natur unsere eigenen Bilder schaffen konnten. Ich habe in Spanien, in Italien, in den USA gedreht und war für „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ fast ein Dreivierteljahr in Südafrika. Ich hätte dort auch „Jim Knopf und die wilde 13“ drehen sollen, aber da hat meine Frau gesagt: „Wenn Du wieder so lang weg bist, dann brauchen wir gar nicht mehr zusammen zu sein.“
Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie für das Kino oder für das Fernsehen arbeiten?
Nein. Es gab Anfragen, die mit dem kleinen Zusatz gestellt wurden: „Aber es ist nur ein Fernsehfilm“. Was soll das heißen? Ich mache doch lieber einen Fernsehfilm, der ein gutes Drehbuch hat, als einen Kinofilm mit schwachem Drehbuch. Mit Regisseur Thomas Berger war ich befreundet. Mit ihm hatte ich schon den Politthriller „Operation Rubikon“ gedreht. Als er „Kommissarin Lucas“ aus der Taufe heben sollte, fragte er mich als Kameramann an. Das war eine gute Zusammenarbeit, aber nach sechs oder sieben Folgen konnte ich den Satz „Geschäftiges Treiben in der SoKo“ einfach nicht mehr lesen. Wir haben das immer auf die gleiche Weise aufgelöst, das war für mich keine Herausforderung mehr. Deshalb habe ich mir neue Aufgaben gesucht.
Wird es den Beruf des Kameramannes und der Kamerafrau in Zeiten der Künstlichen Intelligenz noch lange geben?
Schon vor zehn Jahren wurde darüber gesprochen, ob Schauspieler und Landschaften irgendwann nur noch am Computer animiert werden. Damals dachte ich: Freunde, das geht doch gar nicht! Inzwischen sehe ich auf der Leinwand und auch im Internet Sachen, die erstaunlich sind. Dass wir Kameraleute irgendwann überflüssig werden, passiert vielleicht schneller, als wir heute denken. Aber ich hoffe, dass ich auch mit dieser Prognose wieder falsch liege.
Das Interview führte Dieter Weis.
Stand: 27.04.2026, 15.00 Uhr