„Zucker kann das Leben versüßen, Zucker kann das Leben zerstören“
„Zucker kann das Leben versüßen, Zucker kann das Leben zerstören“
Interview mit Eckart von Hirschhausen zur Zucker-Doku
„Hirschhausen und der Zucker“, ab 20.2.2026 in der ARD Mediathek und am Montag, 23.2.2026, um 20:15 Uhr im Ersten
Zucker ist eines der Themen im Jahr 2026.
© WDR/Ben Knabe
Nehmen Sie Zucker in den Kaffee?
Tatsächlich nicht. Mit dem Charité-Ernährungsmediziner Andreas Michalsen spreche ich darüber auch in unserer Doku. Natürlich steht es jedem frei, soviel Zucker zu essen, wie man will. Nur „belohnt“ man sich damit eben nicht. Eher nimmt man sich einen Genuss, den ich auch erst in den letzten Jahren zu schätzen gelernt habe: die Bitterstoffe haben ihren eigenen Reiz. Den wir aber nur dann spüren, wenn wir unseren Geschmackssinn nicht ständig mit Zucker zukleistern. Und Bitterstoffe sind für unseren Stoffwechsel sehr gesund. Ich trinke gerne Espresso ohne Zucker, esse inzwischen auch viel lieber dunkle Schokolade. Und auch da nicht mehr wie früher in einem Rutsch die ganze Tafel, sondern mit kleinen Pausen, dann hat man viel mehr Genuss davon. Zucker kann das Leben versüßen. Zucker kann das Leben zerstören.
In ihrer Doku zeigen Sie Menschen, die chronisch krank waren, sehr viele Arztbesuche und erfolglose Therapien unternommen haben und dann durch das Weglassen von freiem Zucker ihre Hautausschläge, ihre Darmbeschwerden oder Gliederschmerzen losgeworden sind. Wie giftig ist Zucker?
Alles, was wir essen, baut der Körper irgendwann zu Zucker um, der dann in den Zellen verbrannt wird. Die Menge macht das Gift. Gerade die Kombi von viel Zucker, viel Fett und viel Salz ist verlockend, weil es die in der Natur nie gab, gleichzeitig sind das genau die Treiber der chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Übergewicht genauso wie Herzkreislauferkrankungen, Schlaganfall und Demenz. Darüber hinaus sind Menschen sehr unterschiedlich, keine Empfehlung gilt für jeden gleich und auch wer gesund wird, hat dafür oft mehrere Gründe. Klar ist aber: unser aktueller Konsum von 95 Gramm Zucker am Tag ist viel zu viel.
Sie haben sichtbar abgenommen und messen auch ihr Bauchfett im Vergleich zu 2024 in einem MRT. Warum?
Die Doku Reihe „Hirschhausen und…“ mache ich seit neun Jahren und bald 20 Folgen. Und so wie viele Zuschauerinnen und Zuschauer dabei etwas neues lernen, lerne ich auch bei jeder Recherche, jedem Dreh, jedem Selbstexperiment etwas über die medizinische Forschung, aber auch über meinen Körper und wie ich selbst so ticke. In der Doku über die Abnehmspritze habe ich gezeigt, wie sich meine Leber bereits mit einer Woche Junkfood verfettet – und das wollte ich nicht auf, besser gesagt in mir sitzen lassen. In der Demenz-Doku wurde mir klar, wie wichtig es für unsere Hirngesundheit ist, das Bauchfett vor dem 60. Lebensjahr loszuwerden, weil es ein chronischer Entzündungsreiz ist. Und seit der Alkohol-Doku trinke ich sehr viel weniger. In der Summe lebe ich freier und gesünder – das ist kein „Verzicht“, sondern ein Gewinn an Lebensqualität. Und ich bin sehr froh, dass man das auch im MRT und in einer fettfreien Leber bei mir sieht, nicht nur vor der Kamera.
Jetzt haben Sie aber noch nicht verraten, wie Sie abgenommen haben, heimlich mit der Abnehmspritze?
Könnte man vermuten, ist aber nicht der Fall. (lacht) Mir helfen Essenspausen, das Intervallfasten, was eine Zeitlang sogar als „Hirschhausen-Diät“ bezeichnet wurde. Ich habe es ja nicht erfunden, nur bekannter gemacht. Erfunden hat es die Natur, denn es ist ja für unseren Stoffwechsel seit Urzeiten normal gewesen, nicht am laufenden Band was zu futtern zu haben. Ob man mal später frühstückt oder früher zu Abend isst, kann jeder mit seinem Rhythmus und seinen sozialen Verpflichtungen abstimmen. Man kann essen, was man will, aber nicht die ganze Zeit. Und ich esse viel weniger Süßes als früher, wenig Fleisch, und versuche viel verschiedenes buntes Gemüse zu essen, sprich alles, was gut ist für den Körper, die Natur und den Planeten. br>
Sie treffen in der Doku eine Frau, die lange als Diabetes-Typ-2-Patientin Insulin bekam. Und die durch Ernährungsumstellung komplett ohne Medikamente jetzt ihren Blutzucker im Griff hat. Was haben Sie von ihr gelernt?br>
Dass gerösteter Brokkoli auch zum Start in den Tag taugt! Und wir viel mehr darauf schauen können, wie das, was Hippokrates schon sagte, stimmt: Dein Essen sei deine Medizin. Dummerweise verdient in unserem Gesundheitswesen niemand an gesunden Menschen. Und genau deshalb zeigen wir solche persönlichen Geschichten, die Mut machen: Diabetes kann rückgängig gemacht werden!
Von wegen „Erfrischungsgetränke“ – das ist schleichendes Mästen der Massen
Sind Sie für eine Zuckersteuer?
Ja klar! Dafür gibt es sehr viele gute Gründe. Das ist nicht meine private Meinung, sondern aus medizinischer Sicht schon seit langem eindeutig. Die höchste Instanz in Deutschland, die Akademie der Wissenschaft Leopoldina, hat gerade eine Stellungnahme zur Adipositas-Pandemie veröffentlicht. Darin steht: In Deutschland leidet fast jedes sechste Kind bereits an Übergewicht, zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen. Die gesamten jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten liegen bei 113 Milliarden Euro. Und die klare Empfehlung ist: stark überzuckerte Getränke und Lebensmittel müssen teurer werden, dafür Obst und Gemüse für jeden bezahlbar bleiben. Genau das kann mit Steuern gesteuert werden. Zuckerwasser-Limonaden egal ob sie mit Kola, Orange, Zitrone oder Eistee dekoriert sind, wirken wie „leere“ Kalorien, bringen den Blutzucker in die Höhe, machen nicht satt aber dick und treiben Adipositas mit jeder Flasche voran. Das sind keine „Erfrischungsgetränke“, das ist schleichendes Mästen der Massen. Präventionsmaßnahmen in anderen Ländern haben bewiesen: eine sinnvolle Zuckersteuer wirkt, macht gesünder, spart Krankheitskosten und viel menschliches Leid.
Neun Bundesländer, der Präsident der Bundesärztekammer Dr. Klaus Reinhardt, auch Politiker wie Daniel Günther fordern eine Zuckersteuer nach internationalem Vorbild. Warum ist die aus Ihrer Sicht bis heute nicht in Kraft?
Weil Deutschland eine starke Lobby hat und etwa eine Million Tonnen Zucker jedes Jahr exportiert. Wusste ich vorher auch nicht. Wir machen für das Gewinninteresse von Unternehmen und Herstellern das Nervengift Alkohol billig und überall verfügbar und das Stoffwechselgift Zucker ebenso. Und dann wundern wir uns, warum Menschen massenweise krank sind, nicht arbeiten können und wir eins der teuersten Gesundheitssysteme der Welt haben, was gerade kollabiert. Ich mache seit 30 Jahren Medizinjournalismus – aber dazu fällt mir keine Pointe mehr ein. Es ist einfach nur absurd, dumm und traurig.
Sind denn Süßstoffe die Lösung?
Könnte man denken – aber sie sind Teil des Problems! In der „Hirschhausen und…“-Reihe mache ich ja gerne Selbstexperimente. Diesmal habe ich mir wieder etwas angetan, indem ich frühmorgens auf nüchternen Magen ein großes Glas mit Süßstoff getrunken habe. Man sieht es mir im Film auch an: das war richtig eklig. Ich wollte wissen, wie mein Belohnungssystem im Hirn auf diesen Pseudozucker reagiert. Eine konzentrierte Süßmittel-Soße herunterzuwürgen, täuscht für eine Moment die Zunge, aber eben nicht den Magen und nicht das Hirn.
Was hat ihnen das MRT-Bild über Ihr Inneres verraten?
Mehr, als ich wissen wollte! So schlimm ich das Zeug fand, so lecker fand das mein Belohnungssystem. Es reagierte wie bei einem Übergewichtigen und sagte sinngemäß: mehr davon! Ich war noch nie ein Fan von „Zero“- Produkten, aber jetzt ist mir klar, warum ihr Versprechen, eine „gesündere“ Alternative zu Zucker zu sein, einfach nicht stimmt. Der Süßstoff manipuliert unser Hirn, viele werden dadurch nicht satt, sondern hungrig und holen sich die Kalorien, die der Süßstoff „gespart“ hat, einfach mit dem nächsten Snack. Das ist auch ein Grund, warum es gleichzeitig eine Schwemme von „light“-Produkten gibt, die Menschen aber nicht „leichter“ werden, sondern immer dicker.
Fast jeder bzw. jede zweite Deutsche nimmt täglich Süßstoff zu sich. Warum sind die Nebenwirkungen so wenig bekannt?
Eigentlich müsste es einen Warnhinweis oder Beipackzettel auf jeder Kola-Zero geben! Die Forschung dazu, die wir dokumentieren, ist ganz frisch und echte Pionierarbeit. Die Hirnscans von mir wurden sogar Teil eines wissenschaftlichen Artikels im hochkarätigen „Nature“-Journal. Ich finde es faszinierend, dass wir mit der „Hirschhausen“-Reihe häufig neue Themen aufspüren, die besten Forschenden treffen und viele Menschen auf eine informierend unterhaltende Art daran teilhaben lassen können. Süßstoff verwirrt nicht nur unser Sättigungsgefühl, sondern lässt unser Hirn auch schneller altern. Zudem stört der Ersatzzucker auch unser Biom, die Gemeinschaft der guten Darmbakterien. Das wird übrigens unser übernächste Doku-Thema: „Hirschhausen und der Darm“ – hängt ja alles miteinander zusammen!
Nächstes Thema KI-Fakes: Betroffene bitte melden
Das nächste Doku-Thema wird auch schon in diesem Film verraten, es geht um „Fakes“. Wie groß ist das Problem mit gefälschter Werbung mit Ihrem Gesicht und auch gefälschten Medikamenten?
Leider riesig. Ich wurde durch Fans und Zuschauerinnen und Zuschauer darauf aufmerksam gemacht, die auf Werbung mit ARD-Ausschnitten hereingefallen sind. Durch Künstliche Intelligenz ist es sehr einfach geworden, Stimmen zu fälschen. Weil es von mir viele Videos im Netz gibt, lernt die Betrugssoftware meinen Tonfall und dann wird unter eine echte TV-Sequenz aus einer Talkshow meine gefälschte Stimme gelegt. Plötzlich behaupte ich Dinge, die ich nie gesagt habe. Das ist gruselig und wird mit jeder neuen Entwicklung der KI immer „echter“. Ich bin gegen diese illegalen Deepfakes auch mit einem Anwalt vorgegangen, aber es ist wie bei einem Drachen, dem man einen Kopf abhaut: es wachsen gleichzeitig zehn neue falsche Köpfe nach. In dem Moment, in dem Menschen denken, „ach der Hirschhausen hat ein tolles neues Mittel zum Abnehmen gefunden, der macht seit 30 Jahren seriösen Wissenschaftsjournalismus, da wird dann ja was dran sein“, schlagen die Verbrecherbanden zu. Die Menschen werden am Telefon terrorisiert bis sie für viel Geld irgendeinen Müll kaufen, der nie auf Inhaltsstoffe oder Wirkung geprüft wurde. Die KI-Werbung auf den Plattformen ist die moderne Pest, Menschen bringen ihre Gesundheit in Gefahr, das Vertrauen in öffentliche Personen wird zerstört, die Glaubwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erschüttert und damit verbunden auch die Grundlage unserer Demokratie: dass man weiß, was stimmt und was nicht.
Wie kann man sich dagegen wehren?
„Ich hab es doch mit eigenen Augen gesehen“ bedeutet im Digitalen nichts mehr. Deshalb ist das Allerwichtigste, dass wir jeder Form von Werbung misstrauen, wenn da völlig unrealistische Dinge versprochen werden. Sei es, in kürzester Zeit Diabetes loszuwerden und in wenigen Tagen abzunehmen, alle Verkalkungen im Herz-Kreislaufsystem in Luft aufzulösen oder auch angebliche Potenzmittel. Wir suchen für die nächste Doku noch Menschen, die Opfer dieser Fakes geworden sind. Und wir suchen Hinweise, wie wir den kriminellen Netzwerken dahinter auf die Schliche kommen können. Es ist ein bisschen wie ein Krimi. Ein „Whistleblower“ hat sich schon gemeldet, aber ich hoffe sehr, dass wir noch weitere Menschen finden, die berichten, wie es hinter den Kulissen aussieht, gerne auch anonym. Einfach eine E-Mail an hirschhausen@wdr.de schreiben.
Interview: WDR Kommunikation, 26.1.2026
Stand: 11.02.2026, 15.00 Uhr