Alles Lüge – 1986

„Unser Land in den 80ern“

Alles Lüge – 1986

Ein Film von Martin Herzog
Erzählt von Jan-Gregor Kremp

Die nackte Wahrheit? 1986 war das Jahr der Fake-News in den 80ern, obwohl es den Begriff noch gar nicht gab. Ständig veränderten sich die Fakten: Da gab es den verstrahlten Regen aus Tschernobyl. Der war aber nicht so schlimm, sagten die Politiker. Da waren entführte Aufbauhelfer aus Wuppertal. Die waren selbst schuld, sagte der US-Außenminister. Der Rhein war rot. Alles ganz harmlos, sagte die Chemieindustrie. Alles Märchen und Lügen, die man uns auftischte! Aber alles Schlechte hat auch etwas Gutes und das zeigte sich 1986.

Manchmal muss man täuschen, um die Wahrheit aufzudecken. Günter Wallraff war darin ein Meister, und sein Film: "Ganz unten" lockte über eine Viertelmillion Zuschauer ins Kino.
"Eine Gefährdung ist absolut auszuschließen" tönte Innenminister Zimmermann, als die Nachrichten vom Reaktorunglück in der Ukraine Deutschland erreichten. Kurz darauf wurde die Einfuhr von Nahrungsmitteln aus sieben osteuropäischen Staaten von der EG verboten, ebenso der Verkauf von Feldgemüse und -Obst aus NRW.

Jan-Gregor Kremp

„Alles Lüge – 1986“ wird von Jan-Gregor Kremp erzählt, der 1986 seine Schauspielkarriere begann.
© WDR/Fulvio Zanettini

Ein junger Radiologe aus Bochum wollte es genau wissen, und zog mit dem Geigerzähler los: In Hamm-Uentrop stellte Dietrich Grönemeyer erhöhte Strahlendosen fest, die nicht aus Tschernobyl stammen konnten sondern aus dem nahen Kernkraftwerk. Alles Abstreiten half nichts: Auch dort war Radioaktivität ausgetreten. Solche und andere Lügen führten dazu, dass das Vertrauen der Bevölkerung in die Atomkraft nachhaltig erschüttert wurde.

Kapitalismus? Kommunismus? Keiner hat die Wahrheit für sich gepachtet. Vielleicht gab es ja so etwas wie einen dritten Weg. Immer mehr junge Menschen gingen deshalb nach Nicaragua. Doch im Frühjahr 86 wurden 12 dieser Aufbauhelfer von "Contras" entführt. Vier von ihnen konnten fliehen, darunter Dagmar Vogel aus Oberhausen.

Die Entführung schlug Wellen bis in höchste Regierungskreise. Der amerikanische Außenminister behauptete dreist, die Aufbauhelfer seien bewaffnet gewesen, und damit Kriegspartei. Eine glatte Lüge.
Im Sommer brach in NRW mal wieder WM-Fieber aus: Toni Schumacher hatte die deutsche Mannschaft mit seinen Paraden ins Finale gerettet. Aber ausgerechnet im Endspiel ließ der Nationaltorwart aus Düren drei Bälle durch. Aber die Wahrheit ist: Ein schlechter Tag macht keinen schlechten Fußballer

Toni Schumacher

Toni Schumacher während der Dreharbeiten zum Film im RheinEnergieSTADION.
© WDR/Ben Knabe

Rot schillerte das Wasser, Fische trieben Kiel oben. Nach dem Großbrand beim Schweizer Chemiekonzern Sandoz war das Feuer schnell gelöscht, der Rhein aber verseucht. Alles harmlos, sagte der Betrieb. Kurz darauf schwappte die zweite Giftwelle den Rhein hinab, diesmal von BASF in Karlsruhe. Auch ungefährlich. Und dann?

In der Not konnten die meisten Rhein-Gemeinden auf alternative Wasserversorgung umstellen. Die 13.000 Einwohner der Stadt Unkel aber hingen vom Rheinwasser ab. "Und das wurde uns einfach abgedreht", erzählt Elisabeth Barth. Das rheinland-pfälzische Städtchen wurde von der Feuerwehr aus Tanklastern versorgt, zwei Wochen lang. Bis aus NRW Rettung kam.

Schicht im Schacht: Als letzte Essener Zeche machte Zollverein im Dezember 1986 den Deckel auf den Pütt. Das Ende einer Ära, und das ausgerechnet am Tag vor Heiligabend! Günter Stoppa wickelte Zollverein mit ab und schüttelte den Kopf über die seltsamen Menschen vom Denkmalschutz. Die wollten aus der Zeche ein Museum machen. Inzwischen ist Zollverein Weltkulturerbe und quicklebendig. In Wahrheit ist eben jedes Ende auch ein Anfang.

Der WDR konnte zehn prominente Persönlichkeiten aus NRW als Paten und Sprecher der Filme gewinnen. Sie erzählen die Geschichten und Ereignisse ihres Highlight-Jahres und machen die Reihe "Unser Land - Die 80er" damit auch zu einer ganz persönlichen und unterhaltsamen Zeitreise zurück in ein explosives Jahrzehnt. "Alles Lüge" wird von Jan-Gregor Kremp erzählt, der 1986 seine Schauspielkarriere begann.

Produziert werden die Filme von BROADVIEW TV, die bereits im vergangenen Jahr mit der Dokumentationsreihe "

Einfahrt zur letzten Schicht auf der Zeche "Zollverein"

Schicht im Schacht: als letzte Essener Zeche machte Zollverein im Dezember den Deckel auf den Pütt. (Archivfoto: die Bergleute warten vor den Türen der Förderkörbe auf die Einfahrt zur letzten Schicht auf der Zeche "Zollverein" in Essen am 23.12.1986)
© WDR/dpa/Hartmut Reeh,

Die Sendetermine im Überblick (jeweils 20.15 Uhr im WDR Fernsehen):

10.08.2018: Keine Atempause – 1980
17.08.2018: Jede Menge Kohle – 1981
24.08.2018: Ein bisschen Frieden – 1982
31.08.2018: Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt – 1983
07.09.2018: Jetzt oder nie – 1984
14.09.2018: Zurück in die Zukunft – 1985
21.09.2018: Alles Lüge – 1986
28.09.2018: Hinterm Horizont geht’s weiter – 1987
05.10.2018: Tausend gute Gründe – 1988
12.10.2018: Freiheit – 1989

Stand: 18.09.2018, 14.00 Uhr