Interview mit Michael Ostrowski
„Eine halbe Stunde ist viel Zeit“
Interview mit Michael Ostrowski
Michael Ostrowski
© WDR/Michael Kötschau/btf productions GmbH
Was war das Besondere bei den Dreharbeiten?
Wir hatten ein super Motiv: Das Schloss, in dem wir zwei Tage geprobt und fünf Tage gedreht haben. Da die Hochzeit immer mehr aus dem Ruder läuft, haben wir fast alles chronologisch gedreht, damit es möglich war, Dinge, die während des Drehs entstehen, in den Film einzubauen. Und obwohl sicher 95% dessen, was man im Film sieht, auch vorher schon im Drehbuch stand, find ich diese 5% Offenheit für Improvisation wichtig. Ich hab's auch sehr genossen, an einem Ort zu sein und sich auf die Inszenierung und das Spielen zu konzentrieren. Der Cast, die Produktion und auch die Filmcrew waren außerordentlich. Es war ein großes Fest, diesen Film zu drehen, das muss man schon einmal sagen. Ich denke, dass es auch viel mit dem Wolfgang Thaler zu tun hat, der ein unglaublich intuitiver und guter Kameramann ist. Und ein lieber Mensch.
Wie herausfordernd war es? – Sie sind Autor, Schauspieler und führen die Regie – inwieweit gerät man da in Interessenskonflikte?
Ich bin ja quasi reingestolpert in dieses Projekt. Oder bin ich sukzessive geködert worden? Ich weiß es nicht. Jedenfalls war es ein großer Glücksfall. Zuerst war ich als Schauspieler angedacht, dann als Regisseur und am Ende war ich auch Drehbuchautor. Ich finde diese Personalunion sehr hilfreich. Weil der Regisseur dann schon ziemlich genau weiß, was der Autor wollte und umgekehrt. Als Spieler versuche ich mir trotzdem noch Freiheiten zu nehmen und auch zu improvisieren, sofern es Sinn macht. Ich glaube, man hat - wenn man so viele Positionen innehat - eigentlich eher weniger Interessenskonflikte, weil man ja gemeinsam ein Ziel hat: Einen guten Film zu machen. Solange das im Vordergrund steht und man sein Handeln zu 100% danach richtet, dann wird's was Cooles. Wenn man seine drei kleinen Egos dahinter zurückstellt, dann verschmelzen Regie, Drehbuch und Drehbuch im besten Fall. Und man kann auch Ideen und Vorschläge von anderen Beteiligten annehmen.
Es ist mit Anke nicht das erste Projekt – wie lief die Zusammenarbeit dieses Mal?
Bei der Leseprobe hat mich Anke den anwesenden SchauspielerInnen so vorgestellt: „Das ist der Michael, wir haben zusammen einen Kinofilm gemacht, „Der Onkel“, und da hatten wir eine Sexszene. Die schönste und beste und längste Sexszene etc., etc.“ Und ich habe gesagt: „Ja, es ist auch die einzige Szene auf meinem Demoband.“ So kann man, glaub ich, unser Verhältnis beschreiben. Irgendwas zwischen Irrwitz, Selbstverarschung und großer Freude, mit dem anderen zu sein, um gemeinsam etwas Lustiges, Irres, Schönes und vielleicht im richtigen Moment auch Wahrhaftiges herzustellen.
Haben Sie selbst schon Katastrophen auf Hochzeiten/ Familienfeiern erlebt – oder woher kam die Inspiration für das Drehbuch?
Ja, immer wieder. Die Braut wurde entführt und kam völlig besoffen zurück oder kam gar nicht mehr. Der Bräutigam schmust betrunken mit einer Freundin der Braut. Es gibt, glaube ich, kaum eine Hochzeit, wo nicht irgendwas schiefläuft. Und gerade, weil der Druck so hoch ist, dass alles perfekt sein muss, ist es dann besonders lustig, wenn was nicht hinhaut. Ich hab‘ mir so Foren durchgelesen, wo Leute von ihren schlimmsten Hochzeitserlebnissen erzählen. Da ist unser Film harmlos dagegen. Was bei mir aber immer hängen bleibt, das sind die Reden von Verwandten. Meistens ist es der Brautvater, der sich in schwülstige Höhen versteigt. Reden auf Hochzeiten sind ein ewiger Quell großer Peinlichkeit.
Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet? Was war die Herausforderung?
Ich hab mich nicht wirklich vorbereitet. Indem ich das Drehbuch geschrieben hab, hat sich die Figur entwickelt und daher wusste ich auch, wie der Miller so ist. Aber es war wichtig, den Helmut Köpping als Co- Regisseur an meiner Seite zu haben. Er hat mir immer wieder mal gesagt, probier‘ das oder das noch aus. Sei verliebter in sie. Oder schau, dass dich ihre Zurückweisung stärker trifft, als Mareike mich gleich zu Beginn wieder loswerden will. Das waren wichtige Impulse, um aus meinen eigenen Gedanken zur Figur rauszukommen und was auszuprobieren. Generell ist es natürlich schon ein anderer Stress, wenn man spielt und Regie macht. Aber ich mach das ja nicht allzu oft. Und irgendwie mag ich's schon auch sehr, weil ich halt gerne spiele.
Wie witzig waren die Dreharbeiten? Gab es bestimmte Szenen, die vielleicht wegen Lachflashs dauernd wiederholt werden mussten?
Es ist sehr gefährlich, wenn man einmal anfängt zu lachen in einer Szene. Ich bin da sehr anfällig. Gottseidank hält mich mein Regie-Gen aber davon ab, weil ich weiß, wie wenig Zeit wir in Wirklichkeit haben für so einen Dreh und dass man hochkonzentriert sein sollte, um den Irrwitz gut rüber zubekommen. Was aber NICHT heißen soll, das wir's nicht lustig hatten beim Drehen. Ich finde, man kann eine Komödie nur dann drehen, wenn man auch miteinander gut ist und Spaß hat.
Anke und ich hatten einmal so einen schwierigen Moment, als wir über die scheintote Tante, Trish, gebeugt standen und unseren Dialog spielen sollten. Plötzlich hörten wir ein gaaanz zartes Schnarchen, während wir spielten. Unsere Tante war entschlummert. Scheinbar war das, was wir da gespielt haben, einfach nicht spannend genug für die Tante. Ich hab's auch schwer ausgehalten, ernst zu bleiben, als Katharina, die Braut, ihren Fuß auf Angelos Kopf stellte beim Fotoshooting und er einfach ganz normal weitergeredet hat, als ob nichts wäre. Dabei ist sein Gesicht immer roter angelaufen. Nichts für schwache Lachnerven.
Als der Brautvater, Stefan, nach dem Champagner-Crash am Boden lag, habe ich ihm zugerufen, er soll sagen "Ich bin sehr müde." Er hat's gesagt, das war schon sehr absurd, aber dann ist der Helmut gekommen und hat gemeint, er solle den Satz sagen "wie ein Schauspieler"... Das hat der Stefan dann umgesetzt, wie auch immer man diese Regieanweisung umsetzen kann, aber der Satz ist im Film und ich lache jedes Mal, wenn ich ihn höre.
Gibt es eine Lieblingsszene?
Es gibt viele. Ich mag die Szene zwischen Anke und dem Lieferelli Mann, Moritz Heidelbach, sehr gerne. Wie sie miteinander sind. Ich mag diese kleine Geschichte gern, die sich dann auch noch bis zum Ende durchzieht. Ich mag die Szene zwischen Anke und mir gleich zu Beginn, dieses vorsichtige Abtasten, der Ex is wieder da... bis sie mich loswerden will. Ich mag sehr gerne das Foto-Shooting mit den beiden Brautleuten, Angelo und Katharina. Ich mag aber auch so viele kleine Anke-Momente, wenn sie z.B. heimlich säuft aus der Schampus-Flasche oder ihre verstörten Blicke, wenn was schiefgeht. Ihr Stress, wenn der Stefan seine elendig lange Rede hält. Ich hau mich ab, wenn sie rumrennt und betrunken "Lyyyydia!?!" ruft. Ich denke, dass der Film schon davon lebt, dass ein Sog entsteht, befeuert durch viele kleine Momente. Ich find's extrem lustig, dass ein älterer Herr bei all den Frauen steht und versucht, nach dem Brautstrauß zu springen. Er steht hinten und ist der kleinste, er hat null Chance.
„Eine halbe Stunde ist viel Zeit“
Kurzfilm-Komödie mit Anke Engelke und Michael Ostrowski – Ende Dezember in der ARD.
ab 26. Dezember 2025 in der ARD Mediathek
am 30. Dezember im Ersten um 23:30 Uhr
im WDR am 31. Dezember um 16:15 Uhr
im BR Fernsehen am 8. Januar 2026 um 22:45 Uhr
Stand: 26.11.2025, 16.00 Uhr